Digitalisierung: 5 nach 12?

Unternehmerisch zu denken und zu handeln heißt, jetzt mit Hilfe der Digitalisierung bei Prozessinnovationen konsequent neue Wege zu gehen.

von Prof. Dr. Markus Grottke

Deutschland steht international in Bezug auf die Digitalisierung scheinbar gut da – trotzdem ist es vielleicht gemessen an den wartenden Herausforderungen bereits 5 nach 12 Uhr – gerade für den Mittelstand!

Prof. Dr. Markus Grottke

Glaubt man den jüngsten internationalen Rankings, so steht Deutschland in puncto Digitalisierung allen Bedenken zum Trotz scheinbar gut da. So ist das Land im „Cisco Digital Readiness Index“, einem Index, welcher in sieben Dimensionen die „Digital Readiness“ eines Landes mit anderen Ländern vergleicht, auf Platz sechs. Nur die USA, die Schweiz, Singapur, die Niederlande und Großbritannien liegen in Bezug auf die Digitalisierung vor uns. Hier gilt zumindest in Bezug auf die USA und Großbritannien, dass diese auf den ersten Blick mit zusätzlichen politischen Herausforderungen (z. B. Trump, Brexit) konfrontiert sind. Das bindet Kräfte.

Auch in Bezug auf die Industrie scheint das in der Vergangenheit nicht deindustrialisierte Deutschland gut dazustehen. So ist der Anteil des verarbeitenden Gewerbes Statistiken zufolge nur in Deutschland, Südkorea und China konstant hoch. Hier darf man sich von den aktuellen Investitionssummen und im Vergleich zu Deutschland hoch angesetzten staatlichen Programmen wie Factory of the Future (Großbritannien), Industrial Internet Consortium (USA), Made in China 2025 und anderen Initiativen nicht täuschen lassen. Denn diese zeigen nur auf, dass die benannten Staaten die Industrie wiederentdecken. Sie versuchen, mit gigantischen Programmen zu reindustrialisieren, wo zuvor jahrelang deindustrialisiert wurde (USA, Großbritannien) bzw. die Industrie technisch auf den neuesten Stand zu bringen, wo jahrelang vor allem über geringe Lohnkosten konkurriert wurde (China).

Können wir, kann also der Mittelstand, beruhigt in die Zukunft schauen?

Meine These ist: Ruhig ja, aber nicht beruhigt. Was es braucht, ist Wachheit und Konzentration. Kontext: Wie allseits bekannt (und von der EZB erst vor kurzem bekräftigt) unterliegen wir bereits seit Jahren einer Niedrigzinsphase, welche sich aktuell u. a. durch Strafzinsen für Einlagen von Banken bei der EZB manifestiert. Das kann man auch so auf den Punkt bringen, dass es aus Unternehmenssicht noch nie so einfach war, an Fremdfinanzierungen für eigentlich nicht tragfähige Geschäftsmodelle zu gelangen.

Genau dieser Zustand wird aktuell in der Corona-Krise noch einmal deutlich verstärkt, da der Staat mit hohen Summen aushilft. Nachdem der Staat nur verteilen kann, was vorher erwirtschaftet wird oder zukünftig zu erwirtschaften ist, dürfen auch die aktuell angekündigten Staatshilfen zur Überbrückung der Corona-Krise nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch nie so sehr auf unternehmerische Findigkeit und Eigeninitiative zur Mehrung des Erwirtschafteten ankam.

Irgendwann wird allerdings der Zeitpunkt kommen, an welchem sich dies umkehrt, das Geld nicht mehr billig ist, die Märkte übersättigt sind und die Nachfrage sich auf wirklich notwendige Produkte konzentriert. Folgt man der prozessualen Krisentheorie der österreichischen Schule, wie sie beispielsweise von Erlei und Braun von der TU Clausthal-Zellerfeld vorgelegt wurde, findet dann ein radikaler Ausleseprozess unter den Unternehmen statt. Das werden nur diejenigen Unternehmen überleben, welche sich trotz der Versuchung des billigen Geldes vor allem darauf konzentriert haben, tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln.


Kernaussagen

  • Unternehmerisch zu handeln und zu denken heißt, bei Prozess- und Produktinnovationen konsequent neue Wege zu gehen.

  • Der Staat kann nur verteilen, was vorher oder zukünftig erwirtschaftet wird. Die aktuell angekündigten Staatshilfen in der Corona-Krise dürfen nicht darüber hin­wegtäuschen, dass es noch nie so sehr auf unternehmerische Eigeninitiative zur Mehrung des Erwirtschafteten ankam.

  • Nach der prozessualen Krisentheorie der österreichischen Schule, findet in der Krise ein radikaler Ausleseprozess unter den Unternehmen statt, welchen nur diejenigen Unternehmen überleben, welche sich trotz der Versuchung des billigen Geldes vor allem darauf konzentriert haben, tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Tragfähige Geschäftsmodelle sind solche, welche einen echten, ja einen Zwangsbedarf befriedigen und dies auf eine nahezu konkurrenzlos günstige oder konkurrenzlos und qualitativ herausragende Weise tun. Genau hierfür bietet die Digitalisierung ein nahezu unerschöpfliches Arsenal, welches aber voraussetzt, sowohl in der Technologie (z. B. künstliche Intelligenz) als auch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (digitale Bildung) gut aufgestellt zu sein.

Unternehmerisch zu denken und zu handeln heißt dann, bei Prozess- und Produktinnovationen konsequent neue Wege zu gehen, auf welchen sich ein bislang mühsam erzeugtes Ergebnis anders und besser sowie zu einem Bruchteil der bisherigen Kosten reproduzieren lässt, weil heute noch ineffizient eingesetzte menschliche Arbeit nunmehr nicht nur bei rein mechanischen Vorgängen, sondern auch bei geistigen Tätigkeiten in zahlreichen Freiheitsgraden automatisiert werden kann.

Gerade künstliche Intelligenz und innovative Ansätze und Technologien der Industrie 4.0 versprechen solche Prozessinnovationen zu treiben. Sie sind damit möglicherweise ein Schlüssel für das Überleben bei steigendem Wettbewerbsdruck. Korrespondierend hierzu steht digitale Bildung, denn nur wenn ein Unternehmen durch wache, digital gebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gestützt wird, welche einen Unterschied ausmachen, kann es hoffen, dieses Arsenal auch auf die Straße zu bringen. Mit anderen Worten: Die Digitalisierung wird Menschen nicht überflüssig machen, im Gegenteil: Menschen werden noch einmal ganz anders gefordert und herausgefordert werden.

Die Aufgabe für den Mittelstand in der Vorbereitung auf den kommenden, noch um ein Vielfaches härteren Wettbewerb ist also zweifach und der Schlüssel dazu liegt in der digitalen Bildung der Mitarbeiter: Er lautet, sich darauf zu fokussieren, digital gebildete Wissensträger mit Substanz heranzuziehen und diese an das Unternehmen zu binden. Denn diese fungieren als Beatmungsstation für den so wichtigen Mittelstand, der in der Krise – Stand heute – wohl auf der Intensivstation eingeliefert werden würde.

Kehren wir zu den Rankings zurück. Deutschland ist im Cisco-Ranking tatsächlich auf dem sechsten Platz. Analysiert man allerdings die Zusammensetzung des Rankings, zeigt sich, dass Deutschland genau in jenen Dimensionen nicht reüssiert, auf welche es in der Krise ankommt. So ist Deutschland schlecht aufgestellt bei der Frage der Investitionen, der Technologienutzung, der Fachkräfteentwicklung und der Bereitstellung eines für Start-ups (stellvertretend für Innovationen) günstigen Umfelds. Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum sich die These aufstellen lässt, es sei trotz der scheinbar komfortablen Situation 5 vor 12. //


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